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Das Leben ist heute - und was ist Morgen!?

Das Leben ist heute! – der Werbeslogan eines Kreditinstitutes.

Was sagt uns dieser Slogan? Welch Glück verheißende Botschaft versucht uns diese Bank hier zu vermitteln?

Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum?

Lebe jeden Tag als ob es dein letzter wäre, oder noch extremer;

nach uns die Sintflut?

Das Leben ist heute - erinnert mich ein bisschen an einen Junkie der sich gerade einen Schuss setzt und just in diesem Moment nicht an den nächsten denkt. Nicht an Morgen denken. Nichts anderes wird uns hier empfohlen. Ja nichts verpassen und unser Glück heute genießen!

Doch nun wache ich auf und stelle fest, dass das Leben schon wieder „heute“ ist. Aber das war es doch gestern schon? Was ist also heute? Und was war dann gestern?

Gestern,…gestern war der Tag, an dem ich die high tech dolby surround 6.1 Stereoanlage, den ultra flachen, aber extra breiten riesen Plasma TV und die nahezu nicht vorhandenen, aber dennoch sündhaft teuren Designerschuhe gekauft habe. Heute,…heute muss ich morgens um sechs aufstehen, danach 12 Stunden in der kälte Müll aufsammeln, in einer zugigen Bahnhofshalle Brötchen verkaufen, oder, falls ich gestern ein bisschen zu sehr „gelebt“ habe, dann muss ich heute – in der Realität - noch abends in den Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen oder eben morgens statt um sechs, vielleicht doch schon um 4 aufstehen um noch die Zeitungen austragen zu können.

Aber gut, ich darf nicht klagen. Anderen Menschen geht es schließlich noch schlechter als mir. Ich kann ja wenigstens noch in der Mülltonne nach Pfandflaschen suchen, in Brasilien soll es ja Menschen geben, die, statt in der Mülltonne, gleich auf der Müllhalde nach brauchbarem suchen. Und weil das, was sie finden, nicht ganz für den Lebensunterhalt ausreicht und sie neben dem Müllsuchen nicht noch einen andere Geldquelle haben, erledigen sie auch gleich ihre Einkäufe auf der Müllhalde. Schrecklich ist das! Aber eigentlich müssen die ja auch noch zufrieden sein. Wenigstens machen sie die Arbeit für sich selbst. Vor wenigen hundert Jahren waren sie ja noch Sklaven! Sklaven…schlimm… Menschen, die sich für andere Tag und Nacht abrackern mussten, nur weil es ihnen von ihren „Besitzern“ vorgeschrieben wurde, damit diese, ohne selbst zu arbeiten, immer reicher wurden und sie selbst einfach nichts davon abbekommen haben.

Mmh Moment mal! Das Leben war gestern…aber was ist denn jetzt dann heute!? Gestern war Leben, weil gestern, hatte ich Geld. Geld von jemandem, der es mir geliehen hat. Danke! Er war so großzügig und ließ auch mich einen Tag leben! Einen tag erleben – wie er ihn immer erleben kann. Aber warum kann er das eigentlich immer? Ach ja, stimmt, er kann das, weil er ja so viel Geld hat, dass er es anderen geben kann, die dann für ihn arbeiten, um es ihm mit Zins und Zinseszins wieder zurückzahlen zu können.

HÄ? Ich arbeite also heute, weil mein Leben ja leider schon gestern war und ich jetzt arbeiten muss, damit ich mein Leben von gestern bezahlen kann? Aber ist es dann nicht so, dass der freundliche Herr, der mir das Geld geliehen hat, dann heute nur selber nicht arbeiten muss, weil ich für heute für ihn arbeite? Ich dachte immer Geld arbeitet…das erzählt mir jedenfalls immer mein Bankberater, wenn er mir vorschwärmt, wie toll es einmal wird,  wenn ich Geld zum anlegen habe. Dann würde das Geld für mich arbeiten…ich glaube aber das Geld kann gar nicht arbeiten! Vielmehr kann ich mit dem Geld doch andere für mich arbeiten lassen! Andere, die leider so wie ich, auch schon gestern gelebt haben. Nur ich bin dann eben auch endlich einer von denen, die jetzt immer leben dürfen, da mein Geld…äh Verzeihung, andere für mich arbeiten. Genau! Das ist es! Da will ich hin! Stimmt! Warum bin ich da nicht gleich darauf gekommen!?

Aber irgendetwas stimmt immer noch nicht. Wie kann ich denn überhaupt so weit kommen? Ich habe ja schon gelebt und zahle meine Schuld von gestern jetzt brav in monatlichen Raten mit Zinsen wieder zurück…an die, die so schlau waren und noch gewartet und gespart haben, damit sie später länger, als nur „heute“, ein Leben haben. Mensch! Wenn ich das überlege! Wie viel ich eigentlich dadurch jetzt mehr arbeite, nur weil mein Leben gestern war und ich jetzt die Zinsen dafür zurückzahlen muss. Wäre ich doch nur nicht so ungeduldig gewesen und hätte - statt gestern - lieber einmal in der Zukunft gelebt, wenn ich von den Zinsen meiner eigenen Arbeit leben könnte. Stattdessen dürfen jetzt andere von den Zinsen meiner eigenen Arbeit leben. Tja – das leben war gestern! Nur dass ich mein Leben von gestern nicht nur mit einem Kredit, sondern zusätzlich auch noch mit meinem freien Willen bezahlt habe und jetzt letzten Endes doch der Sklave von jemandem geworden bin, der das Geld als Mittel zum Zweck benutzt um mich für ihn Arbeiten zu lassen. Das hat mir leider keiner gesagt. Gut, gerechterweise muss ich dazu sagen, so viel Botschaft passt leider ja auch nicht auf den Werbekugelschreiber (mit dem ich übrigens meinen Kreditvertrag unterschrieben habe). Ein bisschen selber denken hätte ich ja vielleicht noch geschafft, aber für Denken war gestern halt kein Platz mehr, gestern dachte ich eher noch wie schön es doch ist an meinem neuen TV zu sitzen und den Film in Dolby Surround genießen zu können….nach einem 12 Stunden Tag. Danke, lieber Bankberater!

21.4.07 19:01, kommentieren

Ein Strandspaziergang – Camps Bay, Cape Town.              19. Juli 2005

- ein Spaziergang am Strand – allein – wenn man aufmerksam beobachtet schenkt einem diese Welt tausend Wunder; 500 Meter Strand genügen 2 wachsamen Augen und einem träumenden Hirn diese Welt als Wunder zu betrachten ... als lebendiges Wunder, das ständig neue Wunder hervorbringt; weißer Sand, an beiden Enden riesige grau-weiße Felsen, an denen das Meerwasser in den verschiedensten Farben zerschellt. Blau, weißer Schaum... kurz bevor sich eine Welle bricht, erlaubt sie uns einen Blick in ihr inneres, weißer Schaum, so grell durch die Sonne erleuchtet, dass man die Augen zusammenkneifen muss, und je weiter man an der Welle hinunterblickt, desto stärker werden die Farben in ihr, erst fast transparent über leuchtend helles Türkisgrün, bis hin zu einem geheimnisvoll dunklen blau, welches uns so sehr fasziniert, Meerblau, letztendlich eine Reflektion des Himmels, bevor beides, Himmel und Ozean weit draußen am Horizont zusammen eins werden.

Der Mensch steht weit draußen vor dieser Linie, den Blick in die Ferne gerichtet, hört er das Rauschen und Krachen der Wellen und lässt sich verzaubern. Fühlt das Wunder, egal ob jung oder alt, schwarz oder weiß, Mann oder Frau, hier an diesem Ort fühlen wir uns alle seltsam, irgendwie geborgen, zu Hause, sicher.... und doch, gleichzeitig spüren wir diese Neugier, diese Sehnsucht in die Ferne schweifen zu können, alles hinter sich zu lassen, zu vergessen, einfach loszulassen und fortzuschweben, fort bis hin zu jenem geheimnisvollen Punkt an dem Himmel und Erde eins werden, an den Punkt, den wir niemals erreichen können, denn egal wie schnell wir uns bewegen, er wird uns niemals näher sein als hier am Strand.

So gehen wir stattdessen am Strand entlang, träumen von diesem Punkt dort draußen und hinterlassen unsere Spuren im Sand. Tausende von Spuren, Tausende von Menschen, Geschichten, Gedanken und Schicksalen. Und doch führen alle diese Spuren nur in eine Richtung, so wie wir letzten Endes nur ein Leben führen wie jeder andere. Wir werden geboren, hinterlassen unsere Spuren, und sterben wieder. Die Spuren werden, wie die Spuren im Sand, von der Zeit verwischt, die einen schneller, die anderen etwas langsamer, aber letztendlich verschwindet jede Spur, jeder von uns lebt gleich bedeutend oder unbedeutend, wir sind alle gleich, denn keiner! Von uns wird jemals eine Spur zu jenem Punkt hinterlassen, an dem Himmel und Erde eins werden... keiner von uns!!!

Wir alle gehen nur auf dieser Erde spazieren, so wie wir am Strand spazieren gehen, wir alle hinterlassen unsere Spuren nur für eine gewisse Dauer und kein Mensch wird jemals, egal was er tut eine andere Spur hinterlassen. Uns allen wurde das gleiche Leben, ein Leben, geschenkt. Egal ob wir schwarz, weiß, Mann oder Frau, Muslim oder Christ sind, wir hinterlassen alle die gleichen Spuren, die auf die gleiche Weise wieder verschwinden.

Warum also gibt es Hass, Neid, Wut, Streit, Krieg, wenn wir doch alle nur wieder verschwinden?? Warum erkennen wir es nicht, dass der Spaziergang einfacher und schöner ist, wenn man ihn mit Freude und Liebe geht. Erst dann werden wir fähig sein, die 1000 anderen kleinen Wunder zu erkennen, die uns das Leben oder ein Strandspaziergang schenken können.....

21.4.07 19:03, kommentieren